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Immunsystem
Dringender Verdacht:  Eine Gruppe von vier  harmlosen  Darmbakterienstämmen senkt bei  Säuglingen das Asthma-Risiko
 

 

Die Zahl der Asthmaerkrankungen hat sich in den entwickelten Ländern in den vergangenen Jahrzehnten mehr als verdreifacht. Dies hat dazu geführt, dass parallel dazu auch immer mehr finanzielle Mittel in die Erforschung dieser gefährlichen Atemwegserkrankung geflossen sind. Welche Faktoren sind nun für den Ausbruch einer Asthma-Erkrankung verantwortlich zu machen?

Im renommierte Fachblatt Science Translational Medicine wurde nun eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht, die sich mit der Beeinflussung des Asthma-Risikos durch Umweltfaktoren beschäftigte.  An der Universität von British Columbia wurde von einem Forscher-Team um Marie-Claire Arrieta, Leah Stiemsma und dem Kinderarzt Stuart Turvey bei Säuglingen untersucht, ob sich die Zusammensetzung der Darmflora auf das Risiko auswirkt, im späteren Leben an Asthma zu erkranken.

Auch das viel gelesene Technologie-Magazin Wired berichtete jetzt ausführlich über die wahrscheinlichen ursächlichen Zusammenhänge zwischen einer erst jetzt identifizierten Gruppe von vier  Darmbakterienstämmen und dem Risiko für Säuglinge,  im späteren Leben ein schweres Asthma bronchiale zu entwickeln.

Bei der hier vorgestellten Studie zeigte sich, dass bestimmte Darmbakterien offenbar  abhängig von ihrer Menge das Asthma-Risiko  deutlich beeinflussen können.  Insbesondere ein in den ersten drei Lebensmonaten bestehender Mangel an diesen vier Bakterienstämmen erhöht offenbar das Asthma-Risiko der an der Studie teilnehmenden Säuglinge signifikant.

Es handelt sich um Bakterien, die schon am Ende des ersten Lebensjahres im Darm massenhaft vorhanden sind:  Faecalibacterium, Lachnospira, Veillonella, und Rothia (sog. FLVR-Bakterien).  Es scheint aber so zu sein,   dass diese wenig bekannten Darmbakterien in der Frühphase der Entwicklung des kindlichen Immunsystems, über einen noch nicht in seinen Details bekannten Trainingseffekt, in der Lage sind, das individuelle Asthma-Risiko deutlich abzusenken.  Ein Mangel an diesen FLVR-Bakterien erhöht im Gegensatz dazu aber das Asthma-Risiko.

Wenn sich die Menge dieser Bakterien nach einigen Monaten normalisiert hat, dann wirkt sich diese Veränderung hin zur Norm nicht mehr auf das Asthma-Risiko aus.  Insbesondere wird dieses Risiko nicht wieder abgesenkt. Es kommt also offenbar ausschließlich auf die Fein-Zusammensetzung der Darmflora in einem eng begrenzten Zeitfenster ( den ersten drei Monaten)an. Später sind die prägenden  Trainingsmechanismen offenbar abgeschlossen und es kommt in Hinsicht auf die Immunkompetenz des jeweiligen Individuums nicht mehr auf  das mengenmäßige Vorhandensein einzelner Bakterienstämme an.
 

Die Forscher um Stuart Turvey vermuten aufgrund dieser Studiendaten, dass möglicherweise ein speziell von diesen vier Bakterienstämmen synthetisiertes Stoffwechselprodukt das Immunsystem  im späteren Leben in die Lage versetzt,  die Entwicklung von Entzündungen der Atemwege zu stoppen und so das Asthma-Risiko deutlich zu vermindern. 

Fällt dieser Trainingsvorgang des Immunsystems aufgrund einer zu geringen Besiedlungsdichte mit den nun identifizierten Bakterien aus, so kann sich auch die umfassende Schutzwirkung des Immunsystems nicht in vollem Umfang  entwickeln.
Die kanadischen Forscher haben diese bisher unbekannten  Zusammenhänge in ihrem Labor überprüft, indem sie junge Mäuse mit FLVR-Bakterien fütterten
Sie versuchten dann bei diesen Labortieren ein entzündliches Asthma auszulösen. Doch dies gelang ihnen nicht.  Offenbar schützten die Bakterien die behandelten Mäuse mit den von ihnen erzeugten Stoffwechselprodukten  davor,  das entzündliche Atemwegsleiden Asthma zu entwickeln.

"Wir fangen jetzt erst an, diese komplizierten ursächlichen Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichsten Darmbakterien und dem sich entwickelnden Immunsystem zu erforschen" fasste Dr. Turvey den derzeitigen Stand des Wissens zusammen.

Wenn es in Zukunft gelingen sollte,  die von den Bakterien produzierten chemischen Schutz-Substanzen eindeutig zu identifizieren, so können diese wahrscheinlich zu einem  Medikament weiterentwickelt werden,  das das Asthma-Risiko auf natürliche Weise senkt. Denkbar ist es auch, die identifizierten Bakterien in Form eines Probiotikums an jene Säuglinge zu verfüttern, bei denen ein Mangel an FLVR-Bakterien diagnostiziert wurde.  Auf diese Weise könnten die behandelnden Kinderärzte möglicherweise eine für die Säuglinge günstigere Zusammensetzung der individuellen Darmflora erzeugen.

In diesem Zusammenhang kommt natürlich auch der erschreckend leichtsinnige Umgang mit Antibiotika in den Fokus der Forscher.   Diese so wertvollen Medikamente werden auch in Deutschland viel zu oft mit guter Absicht Säuglingen verabreicht - oft dass eine zwingende medizinische Indikation gegeben ist(beispielsweise bei Virus-Infekten).  Die Antibiotika töten dann in einem Schrotschussverfahren neben möglicherweise  krankmachenden Bakterien auch jene den Darm besiedelnden Kleinstlebewesen ab, die für eine gesunde Entwicklung des individuellen Immunsystems unbedingt erforderlich sind.

Immer mehr Wissenschaftler rufen daher warnend zu einem zurückhaltenden Einsatz von Antibiotika auf, um mit Blick auf die Volksgesundheit nicht  sozusagen "das Kind mit dem Bade auszuschütten".

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Quelle: Wired, Science Translational Medicine

 

 

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