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Experten fordern: Hände weg von Schlafmitteln

Eine US-Studie zeigt, dass das Sterberisiko bereits bei der gelegentlichen Einnahme kleiner Mengen eines beliebigen Schlafmittels  dramatisch zunimmt.  Werden Schlaftabletten aber sogar an jedem zweiten Tag eingenommen (mehr als 132 Tabletten in einem Jahr) , so verfünffacht sich das Sterberisiko.  Zusätzlich erhöht sich das Krebsrisiko um mehr als 30%.

Chronische Schlafstörungen betreffen auch in Deutschland viele Menschen. Da Schlafmittel  - die Ärzte sprechen von Hypnotika -  als relativ harmlos gelten, werden sie von den Ärzten auf Wunsch der unter Schlaflosigkeit leidenden Patienten häufig verordnet.  In der Wahrnehmung der Patienten stehen Schlafmittel was ihre Sicherheit angeht etwa mit freiverkäuflichen Schmerzmitteln aus der Aspirin-Familie auf gleicher Ebene. Doch es wird von Ärzten und Patienten gerne übersehen, dass an den Folgen der Einnahme der als harmlos geltenden Schmerzmittel Jahr für Jahr mehr Menschen sterben (u.a. an Magen- und Darmblutungen), als bei Verkehrsunfällen.
Mittlerweile haben gut informierte Ärzte erkannt, dass die Einnahme von Schlafmitteln aufgrund der damit verbundenen Risiken nicht empfohlen werden kann. Doch ungeachtet dieser Erkenntnis werden
Schlafmittel weiterhin von vielen Menschen mehr oder weniger regelmäßig eingenommen.
Um das von Schlaftabletten ausgehende Gefahrenpotential zumindest ungefähr quantifizieren zu können, hat nun eine Forschergruppe am bekannten Scripps Clinic Viterbi Family Sleep Center, La Jolla, California, USA und am Jackson Hole Center for Preventive Medicine, Jackson, Wyoming, USA, Daten von Patienten ausgewertet, die von dem  Geisinger Health System (GHS) medizinisch versorgt werden.  Das Geisinger Health System ist die größte integrierte Gesundheits-Organisation der USA und versorgt pro Jahr etwa 250.000 Patienten ambulant. Diese Menschen leben in 41 Landkreisen des US-Bundesstaats Pennsylvania.

Die Autoren der im Fachblatt "British Medical Journal open" veröffentlichten Studie wiesen darauf hin, dass grobe Schätzungen  beispielsweise davon ausgehen, dass  im Jahr 2010 allein in den USA  zwischen 320.000 und 507.000 zusätzliche Todesfälle in einem wie auch immer gearteten Zusammenhang mit der Einnahme von Schlaftabletten standen. Wie oft die eingenommenen Arzneimittel als direkte Todesursache in Frage kommen, ist bisher nicht eindeutig bekannt.  Die Frage des ursächlichen Zusammenhangs zwischen der Einnahme von Schlaftabletten und dem vorzeitigen Tod individueller Patienten kann auch in Zukunft aus prinzipiellen Gründen nicht zu beantworten. Die üblicherweise bei der Beweisführung ursächlicher Zusammenhänge durchgeführten zufallsgesteuerten (randomisierte) Doppelblindstudien - bei denen weder die verordnenden Ärzte, noch die Patienten wissen, wer die zu überprüfende Wirksubstanz und wer nur ein Scheinmedikament erhält - können in zivilisierten Staaten aufgrund des Verbots von Menschenversuchen  von den zuständigen Ethik-Kommissionen nicht genehmigt werden, da es ja um die Erforschung potentiell tödlicher Nebenwirkungen der Schlafmittel geht.  

In der hier vorgestellten Studie wurden die Daten von 10.529 Patienten ausgewertet, die zwischen 2002 und 2007 über jeweils durchschnittlich 2.5 Jahre Schlafmittel verordnet erhielten. Die Daten dieser Studienteilnehmer wurden mit jenen von 23.676 Studienteilnehmern verglichen, denen keine Schlafmittel verordnet worden waren.  Dabei zeigte sich überraschend deutlich, dass die Sterblichkeit der Patienten um so höher war, je mehr Schlafmittel-Dosen sie über ein Jahr verteilt erhalten hatten. Um die Zusammenhänge statistisch möglichst deutlich heraus zu arbeiten, wurden andere bekannte Risikofaktoren erfasst und aus den Statistiken sozusagen "herausgerechnet".  Die Ergebnisse der Analyse waren danach überraschend eindeutig und sehr besorgniserregend. Schon wenn die Patienten der ersten Gruppe im Jahr weniger als 18 Schlaftabletten eingenommen hatten kam es zu einer Verdreifachung der Sterblichkeit.  Und bei den Patienten, die in einem Jahr mehr als 132 Tabletten eingenommen hatten, stieg die Sterbewahrscheinlichkeit sogar um mehr als das Fünffache. Detailanalysen zeigten außerdem, dass das Sterberisiko bei allen in der Analyse berücksichtigten Schlafmitteln eindeutig erhöht war.  Die Autoren konnten also keine "sicheren" Schlafmittel identifizieren. Doch damit nicht genug. Bei den Patienten, die mehrt als 132 Schlaftabletten eingenommen hatten, stieg zusätzlich auch noch das Krebsrisiko um mehr als 30%. 

Die Autoren der Beobachtungsstudie reagierten aufgrund der nicht zu vermeidenden Mängel einer reinen Beobachtungsstudie vorbeugend auf die zu erwartenden Vorwürfe sie seien in Ermangelung von wissenschaftlich einwandfrei gewonnenen Daten (durch fehlende zufallsgesteuerte Doppelblindversuche also) zu unzulässigen Schlüssen gelangt. Sie erinnerten mit Nachdruck an die Tatsache, dass es auch für andere potentiell tödliche Gefahren keine wissenschaftlich einwandfreie Beweise gibt oder geben kann.  Trotz dieser Mängel zweifelt heute niemand mehr daran, dass das rauchen von Zigaretten Krebs erzeugt und so zahllose Todesfälle ursächlich verursacht. Und es gibt auch keine zufallsgesteuerten Doppelblindstudien die beispielsweise das  Sterberisiko bei ohne Fallschirm ausgeführten Sprüngen aus einem Flugzeug untersuchen.  Es gibt eben Gefahren - so die US-Wissenschaftler -  bei deren Erforschung man sich ausschließlich auf  Beobachtungen stützen kann.  Im Fall der Schlafmittel muss man sich jetzt und in Zukunft mit überzeugenden  Anscheinsbeweisen zufrieden geben.  Und tatsächlich haben Experten des US-National Institute of Health (NIH) bereits konstatiert, dass Studien, die die tödlichen Folgen der Einnahme von Schlafmitteln untersuchen möchten,  unethisch und daher nicht zulässig sind.

Daher kann es bei diesem Thema auch in Zukunft nur Beobachtungsstudien geben - ähnlich wie bei der Untersuchung der Folgen des Rauchens.
Da alle industrieunabhängig durchgeführte Studien zur Wirksamkeit von Schlafmitteln nur eine geringe Wirksamkeit der heute verfügbaren Substanzen festgestellt haben, gibt es nach Meinung der Autoren der hier vorgestellten Untersuchung keine vernünftigen medizinischen Gründe für die Einnahme von Schlafmitteln. Der geringe Nutzen rechtfertigt somit nicht das Eingehen von Risiken - seien sie nun klein oder groß. Vieles deutet heute darauf hin, dass speziell entwickelte psychotherapeutische Therapieverfahren selbst bei chronischen Schlafstörungen besser helfen,  als die als extrem gefährlich enttarnten Schlafmittel.

Quelle: BMJ Open 2012;2:e000850 doi:10.1136/bmjopen-2012-000850

 

Zur Originalquelle hier (in englischer Sprache)

  

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