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Medizin, Gesundheit und Wohlfühlen
2012
Homöopathie in der Kritik
Basieren die Effekte einer
homöopathischen Therapie tatsächlich ausschließlich auf einem
Placebo-Effekt?
In der renommierten "Süddeutschen Zeitung" wurde jetzt eine
kritische Bilanz der umstrittenen alternativmedizinischen
Heilmethode veröffentlicht. Die Homöopathie hat als alternative
Heilmethode -im Vergleich zu vielen sog. "schulmedizinischen"
Therapien - den großen Vorteil, dass sie im Regelfall - wenn sie mit
Augenmaß eingesetzt wird - keinen Schaden anrichtet. Gefährlich wird
es für einen Patienten erst dann, wenn die Homöopathie bei ernsten
und/oder chronischen Krankheiten angewandt wird, für die zwar
wissenschaftlich gut abgesicherte schulmedizinische
Behandlungsverfahren existieren, die aber im individuellen
Einzelfall nicht angewandt werden. So bietet es sich beispielsweise
nicht an, eine akute Blinddarmentzündung, einen Herzinfarkt oder
eine Lungenentzündung ausschließlich homöopathisch zu behandeln.
Was aber im Alltag gelegentlich vorkommt, da viele Homöopathen
aufgrund ihrer unzulänglichen Ausbildung gefährliche Krankheiten
nicht immer zuverlässig erkennen können.
Immer wieder wird in der öffentlichen Diskussion die Frage
aufgeworfen, ob der bei der Anwendung der Homöopathie zu
beobachtende Nutzeffekt der Therapie größer ist als jener, der
üblicherweise beim Einsatz von Scheinmedikamenten (Placebos)
registriert wird. Wäre die Wirkung besser als die angenommene
Placebo-Wirkung, so würde dies von den Homöopathen als Beweis für die
Richtigkeit der Lehre der Homöopathie gewertet. Doch dies ist zu
kurz gedacht, da die Wirkung von Scheinmedikamenten unterschiedlich
stark ausfallen kann. Ein guter Homöopath bringt seinen Patienten so
viel positive Aufmerksamkeit entgegen, dass diese Zuwendung - geht
man einmal davon aus, dass es sich "nur" um eine Placebo-Therapie
handelt - auch ungewöhnlich starke Placebo-Effekte erzeugen kann.
Anders gesagt: ein Scheinmedikament/eine Scheinbehandlung kann bei
bestimmten Menschen auch eine erstaunlich starke Placebo-Wirkung
erzeugen, ohne dass sich daraus eine allgemeine Richtigkeit der
Lehre der Homöopathie ableiten ließe.
Die "Süddeutsche Zeitung" nahm sich kürzlich dieses brisanten Themas
an und kam am Ende eines langen, offenbar um Objektivität bemühten
Übersichtsartikels zu einem für die Anhänger der umstrittenen
Heilslehre unbequemen Schluss. Zwar zeigen durchgeführte Umfragen
immer wieder, dass viele Patienten und Therapeuten (die oft kaum
über naturwissenschaftliche Kenntnisse verfügen /A.d. R.) davon
überzeugt sind, dass "Globuli & Co." ihnen, bzw. ihren Patienten
helfen. Doch dieses möglicherweise nur auf einem naiven Optimismus
basierende Vorurteil ist weder wissenschaftlich eindeutig begründet,
noch erkenntnistheoretisch plausibel. Die "Süddeutsche Zeitung"
kritisiert anhand mehrerer Beispiele auch den Umstand, dass sich
Homöopathen aufgrund des bestehenden "Beweisnotstands" gerne auf
seriöse wissenschaftliche Studien berufen, deren Autoren sich aber
auf Nachfrage von der Homöopathie und der unfreiwilligen Nähe zu
dieser Therapierichtung distanzieren.
Doch was wenige wissen: Kritik gibt es auch in den eigenen Reihen.
Einige wissenschaftlich interessierte Homöopathen zweifeln zwar
nicht an der gelegentlichen positiven Wirkung der homöopathischen
Therapien, aber durchaus an den theoretischen Grundlagen der über
200 Jahre alten Lehre der Homöopathie. So fordert
beispielsweise Jörg Wichmann in einer zum 250. Geburtstag des Begründers der
Homöopathie, Samuel Hahnemann, herausgegebenen Festschrift, dass
die Homöopathen "nicht auf einer Stufe stehen bleiben dürfen, mit
der schon Hahnemann unzufrieden war." Einer Heilslehre, die dem
Anschein nach allen bisher bekannten Gesetzen der
Naturwissenschaften und der Logik widerspricht.
Verdrängt wird in der Glaubensgemeinschaft der Homöopathen gerne die
Tatsache, dass selbst der Erfinder der Homöopathie beim späten
Rückblick auf sein Lebenswerk mit den praktischen Ergebnissen seines
Schaffens höchst unzufrieden war. So zitiert Jörg Wichmann in der
genannten Festschrift den Autoren Reinhard Flick, der in seinem Buch
"Homöopathie in Österreich" nach Auswertung der Krankenjournale
Hahnemanns schrieb "Es ist ein offenes Geheimnis, dass die
Heilungsverläufe von Hahnemanns Patienten meist nicht überzeugend
waren. Die häufige Gabe der C30 führten zu sehr unbefriedigenden
Verläufen". Bei dieser Verdünnung ist weniger als ein Tropfen
in mehreren Erdvolumina vorhanden (Wikipedia). Homöopathen sind der
Meinung, dass die Wirkung einer homöopathischen Zubereitung mit dem
Grad der Verdünnung zunimmt.
Aufgrund des häufigen Versagens der homöopathischen Therapien soll
Hahnemann in seinem letzten Lebensabschnitt sogar erwogen haben,
seine Lehre ganz zu widerrufen. Sicher ist, dass er von dem für
seine Lehre so wichtigen Ähnlichkeitsgesetz abgerückt ist und sich
der spekulativen Miasmenlehre zugewandt hat. Insbesondere über die
Behandlung chronischer Krankheiten sagte der Altmeister mit Blick
auf die von ihm ausgeübte homöopathische "Kunst": "Ihr Anfang war
erfreulich, die Fortsetzung minder günstig und der Ausgang
hoffnungslos". Selbst bei "folgsamen" Patienten traten nämlich im
Verlauf der homöopathischen Therapie ständig neue Symptome auf, die
im Verlauf der Therapie "immer beschwerlicher und bedrohlicher"
wurden.
Die sich nur unregelmäßig einstellenden Therapie-Erfolge bewirken
auch heute noch, dass die Bilanz der Homöopathie nicht so positiv
ausfällt, wie dies die Anhänger der Methode in der Öffentlichkeit
glauben machen möchten. Doch dieses Aufbauschen angeblicher
Therapieerfolge - und das gleichzeitige Verschweigen von
Misserfolgen - kann man bei nahezu allen Therapeuten beobachten. Es
ist also nicht auf die Alternativmedizin beschränkt, sondern wird
auch im Rahmen der sog. "Schulmedizin" oft und gerne praktiziert.
Die ungünstige Erfolgsbilanz der homöopathischen Therapien ist aber
nicht nur in der Methode selbst begründet, sondern muss auch auf
den Umstand zurück geführt werden, dass die zeitaufwendige und
zuwendungsintensive Therapiemethode zunehmend von schlecht
ausgebildeten, aber geschäftstüchtigen Scharlatanen ausgeübt wird.
Diese wenden in ihrer jeweiligen Praxis oft zeitsparende
Therapievarianten an, die mit der klassischen Lehre der Homöopathie
- außer dem Namen - wenig gemein haben. Sie therapieren
beispielsweise nicht aufgrund eines zeitaufwendig zu erfassenden
individuellen Musters von Krankheitszeichen, sondern aufgrund von
schnell zu stellenden Vermutungsdiagnosen. Doch sobald Diagnosen zur Grundlage
der homöopathischen Therapie gemacht werden, müssten zwingend auch
- so der Homöopath Curt Kösters - wissenschaftliche Studien
durchgeführt werden. Was aber unterbleibt.
Andere "Homöopathen" wenden die verschiedensten alternativen
Therapien parallel an und schrecken nicht einmal davor zurück, neben
Homöopathika auch synthetische Arzneimittel anzuwenden. Dieses um
sich greifende diffuse Verhalten kann natürlich auf Dauer nicht gut
gehen und schädigt langfristig den Ruf der auch heute noch bei
Patienten beliebten Heilmethode. In der Festschrift zum 250.
Geburtstag Hahnemanns distanzierte sich daher eine Gruppe
wissenschaftlich aktiver und an einer zeitgemäßen Fortentwicklung
der Homöopathie interessierter Therapeuten von diesen
Trittbrettfahrern. Im Zuge der kritischen Bewertung des status quo
räumte Brita Gudjons im Editorial der Festschrift ein, dass sich
"unter dem Dach der Homöopathie viele bunte Vögel eingenistet
haben.... Dadurch leidet der gute Name der Homöopathie". Und die
erfahrenen Homöopathen Dr. Klaus Habich, Curt Kösters und Dr. Jochen
Rohwer ziehen in der Festschrift eine ernüchternde Bilanz: "Unter
vielen Kollegen herrscht mittlerweile Orientierungslosigkeit und
Verwirrung über das richtige Vorgehen in der Homöopathie, nicht
wenige verlassen - nach aufwendiger und kostenintensiver Ausbildung
- enttäuscht die Homöopathie."
Dieser Totalausstieg aus der Homöopathie ist allerdings kein
Phänomen der letzten Jahre. Nach 1933 wandten sich die an die Macht
gekommenen Faschisten der Homöopathie mit großer Begeisterung zu.
Doch diese enge Verbindung wurde im Lauf der nächsten Jahre still
und heimlich aufgrund der zwischen 1936 und 1939 für das
Reichsgesundheitsamt durchgeführten klinischen Versuche,
Arzneimittelprüfungen und Quellenstudien zu einzelnen
homöopathischen Arzneien beendet. Diese Studien hatten nämlich
keinerlei Erfolg gezeigt. Auch die Nachprüfungen von
Arzneimittelprüfungen homöopathischer Mittel konnten die Ergebnisse
vorheriger Prüfungen nicht reproduzieren.
Doch diese radikale Aussteigerbewegung ist noch viel älter. Schon
Zeitgenossen von Samuel Hahnemann warfen aufgrund der
Therapieversager frustriert das Handtuch. In der online-Enzyklopädie
Wikipedia wird auf Karl Wilhelm Fickel hingewiesen. Dieser war
leitender Oberarzt an der homöopathischen Lehranstalt Leipzig und
unter dem Pseudonym Ludwig Heyne Autor homöopathischer Schriften. Er
wandte sich komplett von der Homöopathie ab und veröffentlichte 1840
seine Schrift "Direkter Beweis von der Nichtigkeit der Homöopathie
als Heilsystem" und kam aufgrund seiner praktischen Erfahrungen mit
der Homöopathie zu dem Schluss: „Als Heilsystem ist die Homöopathie
eine Irrlehre, in praktischer Anwendung ein Unding.“
Quelle:
Süddeutsche Zeitung, Gudjons aktuell, Festschrift zum 250. Geburtstag
von Samuel Hahnemann
Zur Originalquelle hier (in deutscher
Sprache)
Der nachfolgend dargestellte Text wurde
in der werbefreien online Enzyklopädie WIKIPEDIA der
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„Creative Commons Attribution/Share
Alike“ für die freie
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aktualisiert 10.01.2026
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