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15.11.2017

 

 

 

Quelle: Pan American Journal of Public Health

 

Es muß nicht Balsam-Essig sein - mit billigem Speise-Essig gegen Gebärmutterhalskrebs

Ein schnell und einfach durchzuführender Test auf bösartige Zellenwucherungen des Gebärmutterhalses ist nicht nur spottbillig, sondern führt aufgrund der sofort zu stellenden Verdachtsdiagnose sogar dazu, daß sich gerade in Ländern mit problematischer Infrastruktur des Gesundheitswesens deutlich weniger Frauen den erforderlichen Nachuntersuchungen entziehen.

Von Dr. med. Jochen Kubitschek


Geld- und Ärztemangel, sowie unzureichende Organisationsstrukturen, führen in den meisten Ländern dazu, daß eine effektive Krebs-Früherkennung nicht angeboten wird. Selbst beim vergleichsweise leicht zugänglichen Krebs des Gebärmutterhalses (Zervixkarzinom) versagen viele Gesundheitssysteme auf ganzer Linie. Daher verlieren weltweit Jahr für Jahr etwa 230.000 Frauen ihr Leben – 80% davon in ärmeren Ländern. Bis zum Jahr 2020 sagen Experten sogar eine Zunahme dieses Todeszolls auf jährlich 750.000 Frauen voraus. Doch dieses Massensterben müßte nicht sein, wenn man eine billige und in wenigen Minuten durchzuführende Untersuchung auf allen Ebenen der derzeit überforderten Gesundheitsysteme breit anwenden würde. Dies wurde in der Vergangenheit nicht getan, da noch viel zu viele Gesundheitsprofis zu dem Trugschluß neigen, daß billige Untersuchungsmethoden nichts taugen können.

Ein billig mit normalem Speise-Essig durchzuführender Orientierungstest könnte bedrückende Versorgungslücke schließen

Eine Forschergruppe um Dr. Jose Jeronimo hat in Peru am Nationalen Krebsinstitut unter Einschluß von 1.921 Frauen eine Studie durchgeführt die nun im Pan American Journal of Public Health veröffentlicht wurde. Die Forscher analysierten den praktische Nutzen einer extrem billigen Untersuchung, die den Namen VIA (Visual inspection with acetic acid) trägt.

Bei der in wenigen Minuten durchzuführenden VIA-Untersuchung wird der Muttermund der zu untersuchenden Frau etwa eine Minute lang mit normalem Speise-Essig beträufelt und dann vom Untersucher mit dem bloßen Auge begutachtet. Verfärben sich einige Bereiche der rosa Schleimhaut weiß, so ist dies ein erster Hinweis darauf, daß sich möglicherweise bösartige Zellverbände entwickelt haben. Das Verfahren ist nicht sehr genau – doch auch der weltweit im Zuge der Früherkennung des Muttermundkrebses übliche Alternative - Pap-Test - produziert zahlreiche falsche „Positiv-Ergebnisse“.

Billigmethode ist auch für Krankenhäuser geeignet

Während man bisher immer davon ausging, daß simple und billige Methoden wie die VIA nur für die in den Slums lebenden Ärmsten der Armen geeignet sind, belegt die Studie aus Peru, daß dieses Vorurteil falsch und kontraproduktiv ist. Erstmalig konnte in der Studie nämlich gezeigt werden, daß das auch in Deutschland schon länger bekannte billige Testverfahrens auch dann nützlich ist, wenn es in „normalen“ Kliniken zum Einsatz kommt, in denen eine moderne Diagnostik technisch möglich ist.
Die Vorteile der simplen VIA konnten im Verlauf der Untersuchung überraschend eindeutig demonstriert werden: im Gegensatz zum Pap-Test der bei jeder zweiten Patientin durchgeführt wurde, erfuhren die Frauen unmittelbar nach der Einwirkung der schmerzlosen Essigdusche, ob ein konkreter Verdacht auf eine bösartige Erkrankung besteht, oder ob sie unbesorgt nach Hause gehen können.

Sofort-Beratung motiviert die Frauen „am Ball“ zu bleiben

Mit dieser erstmals möglichen Sofort-Beratung würde der größte Schwachpunkt des bisher üblichen Umgangs mit dem lebensbedrohlichen Frauenleiden entfallen: im Zuge der Untersuchung zeigte sich nämlich, daß 26% der Frauen, bei denen sich mit Hilfe des Standard-Pap-Test ein Verdacht auf Krebs ergeben hatte, nicht zu den erforderlichen weiteren Arztterminen erschienen. Somit war in diesen Fällen weder eine weitere Abklärung des Krebsverdachts möglich, noch konnte eine eventuell erforderliche Behandlung eingeleitet werden. Im Gegensatz dazu nahmen 97% der Frauen, bei denen sich nach der VIA-Untersuchung ein Verdacht auf Muttermundkrebs ergeben hatte, den zweiten Arzttermin wahr.

Wenn aber jede vierte Frau selbst bei der Durchführung der Untersuchung am renommierten Nationalen Krebsinstitut weitere Untersuchungstermine einfach platzen läßt, dann gehört wenig Phantasie dazu sich vorzustellen, wie hoch die Verweigerungsrate in den Wald-und-Wiesen-Praxen ärmerer Länder ist. Die Autoren der Untersuchung empfahlen daher für die Zukunft ausdrücklich den Einsatz der billigen Alternative zum fehlerträchtigen und aufwendigen Pap-Test auf allen Stufen des jeweiligen Gesundheitssystems.

Auch in Deutschland ist die Situation alles andere als optimal

In Deutschland hat der Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) unter anderem aufgrund der von allen Krankenkassen vom 20. Lebensjahr kostenlos angebotenen Früherkennungsuntersuchungen einiges von seinem Schrecken verloren. Er rangiert in der Krebsstatistik mit 12 von 100.000 Frauen (Jahr 2001) erst an vierter Stelle. Doch auch hier könnte die Situation weiter verbessert werden da nur jede zweite Frau zur Krebs-Früherkennungsuntersuchung geht. Denn obgleich die von dem griechischen Arzt George N. Papanicolaou 1928 erstmalig in einer wissenschaftlichen Publikation vorgestellte und heute als „Pap-Test“ bekannt gewordene Zelluntersuchungen sehr viel aufwendiger als die einfache VIA-Untersuchung sind, überzeugt das Verhältnis zwischen Kosten und tatsächlichem Nutzen längst nicht alle Patientinnen und Ärzte.

Mit Speise-Essig gegen „Wackelpeter“

Selbst in Deutschland fallen nämlich bei den Krebs-Früherkennungsuntersuchungen zahlreiche falsche „Positiv-Krebs-Verdachtsdiagnosen“ an, da die erste Beurteilung der Zellabstriche meist von medizinisch-technischem Hilfspersonal durchgeführt wird. Diese häufigen Fehlbeurteilungen stellen für die betroffenen Frauen eine große seelische Belastung dar und machen teure zusätzliche Untersuchungen erforderlich, die ihrerseits auch wieder mit Risiken behaftet sind. Es würde daher nicht schaden, wenn die kaum Kosten erzeugenden
VIA-Untersuchung auch außerhalb der strukturierten Früherkennungsuntersuchung bei jeder frauenärztlichen Untersuchung zum Einsatz käme.

An der Uni Hannover ergaben sich beispielsweise bei einer an 8.500 Frauen durchgeführten Screening-Untersuchung auf Gebärmutterhalskrebs 86 Verdachtsfälle. Als später externe Experten die Befunde kontrollierten, konnten sie die Verdachtsdiagnose Krebs nur in 46 Fällen bestätigen. Das ergibt aber eine stolze primäre Fehlerrate von über 50%. Angesichts dieser Schwächen des Standard-Pap-Tests verwundert es nicht, daß einer der Leiter der Studie, der Frauenarzt Karl Ulrich Petry, nicht viel von der Effizienz der derzeit mit großem Finanzaufwand landesweit angebotenen Krebs-Früherkennungsuntersuchungen hält: „Beim primären Zervixkarzinom-Sceening hat man manchmal das Gefühl, einen „Wackelpudding“ an die Wand nageln zu wollen. Die erhobenen Befunde sind nicht wirklich verläßlich.“ Diese und vergleichbare negative Erfahrungen mit den teuren und wenig effizienten Methoden der modernen Medizin zeigen, daß für ärmere Länder entwickelte, kostensparende Ersatzstrategien beim Kampf gegen den Krebstod - insbesondere bei breiter Anwendung - durchaus Sinn machen könnten.




 

 

 

 

 

 

 

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