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Quelle: New England Journal of Medicine

Grippe Impfung:  Not macht erfinderisch

Der derzeit in den USA bestehende Mangel an Grippe-Impfstoff hat zu neuen innovativen Denkansätzen geführt. Verschiedene Studien zeigen, daß sich eine gute Schutzwirkung gegen die gefährliche Virusgrippe auch mit deutlich niedrigeren Impfdosen erreichen läßt. Dies insbesondere dann, wenn die Impfung in die Haut und nicht wie üblich in die Muskulatur erfolgt. Außerdem wurde deutlich, daß die Schutzwirkung mit jeder neuen Impfung zunimmt.



von Jochen Kubitschek


So als reichten die Ängste vor Krieg, Terror, Arbeitslosigkeit und allzeit gewaltbereiten Kriminellen nicht aus, um den durchschnittlichen Amerikaner in einen ständigen Alarmzustand zu versetzen, kam am 5. Oktober eine weitere unheimliche Bedrohung hinzu. An diesem Tag gaben die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) bekannt, daß den US-Bürgern für die Influenza-Saison 2004/2005 nicht genügend Dosen Grippe-Impfstoff zur Verfügung stehen werden, um den normalen jährlichen Bedarf auch nur ansatzweise abzudecken. Am gleichen Tag hatten die CDC nämlich von dem Pharmaunternehmen Chiron Corporation erfahren, daß diesem in seiner Heimat Großbritannien aufgrund von Qualitätsmängeln für drei Monate die Lizenz für die Produktion des für die USA bestimmten Impfstoffs entzogen worden war (www.cdc.gov/flu).

Der hysterisch anmutende Medienrummel der daraufhin in den USA losbrach, hat allerdings einen durchaus rationalen Hintergrund. Jahr für Jahr verursacht die Virus-Grippe – auch Influenza genannt –weltweit über eine Million Todesfälle - in den USA sind es 36.000 Todesfälle und mindestens 200.000 teure Krankenhauseinweisungen. In Deutschland zählte man in der Saison 2002/03 rund 12.000 Todesfällen. Mehr als 90% der registrierten Todesfälle entfallen dabei auf Personen, die älter als 65 Jahre sind.
Die derzeitige Bedrohung trifft mit einem ganz neuen Schreckensszenario zusammen, da Experten seit Monaten vor einer drohenden Grippe-Pandemie warnen, die Millionen Todesopfer fordern könnte. Nach Ansicht einiger Experten steht fest, daß sie kommt – man weiß nur noch nicht wann. Und auch die in Asien zu beobachtende Verbreitung der Vogelgrippe gibt Grund zur Sorge.
Glücklicherweise zeigt nun eine im Fachblatt New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie (NEJM 2004 Nov 25, 351:2286-94) Wege aus der akuten Impfstoff-Krise auf. Eine Forschergruppe um Robert B. Belshe hatte zwei Patientengruppen untersucht, von denen die eine wie üblich gegen Grippe geimpft wurde. In der gleich großen Kontrollgruppe hatten die Patienten hingegen eine „Grippe-Impfung light“ erhalten. Diesen Patienten waren lediglich 40% der normalen Impfdosis verabreicht worden – und dies nicht wie bisher üblich intramuskulär, sondern mit besonders feinen Nadeln direkt in die Haut - also intradermal.

Nach dem Ende der Studie wurde untersucht, wie das Immunsystem der Patienten auf die unterschiedliche Dosierung des Impfstoffs und die unkonventionelle Art der Verabreichung reagiert hatte. Es zeigte sich, daß die niedrige Dosierung des Impfstoffs in Kombination mit der Injektion in die Haut in der Altersgruppe 18-60 Jahre eine ähnlich starke Produktion von Antikörpern gegen Influenza-Viren auslöste wie die konventionelle Impfung. In der Hochrisikogruppe der über 60jährigen war die Reaktion des Immunsystems zwar schwächer, aber immer noch ausreichend. Auch bei der konventionellen Impfung reagieren ältere Menschen nicht so stark wie gesunde und junge Menschen.

Doch selbst die Reduktion der Impfstoffmenge um 60% kann offenbar bei jüngeren Menschen gefahrlos weiter gesteigert werden. In der gleichen Ausgabe des New England Journal of Medicine wurde eine zweite Studie (NEJM 2004,Nov 25,Vol 351:2295-01) veröffentlicht, die dies belegt.

In dieser Untersuchung hatte eine Wissenschaftlergruppe um Richard T. Kenney 100 gesunden Versuchspersonen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren entweder eine volle Impfstoff-Dosis verabreicht oder nur 20% des üblicherweise gegebenen Menge. Die Injektionen erfolgten intradermal im Bereich des Oberarms. Die Forscher verglichen die Reaktionen des Immunsystems beider Gruppen mit den bereits gut bekannten Reaktionen auf die übliche intramuskuläre Verabreichung des Grippe-Impfstoffs. Dabei zeigte sich, daß selbst die Mini-Dosis im Vergleich zur üblicherweise intramuskulär angewandten Standardimpfung in der Lage war, eine gleich große oder sogar bessere Immunantwort auszulösen. Damit wurde gezeigt, daß offenbar selbst extrem niedrige Mengen des normalen Impfstoffgemischs ausreichen, um junge Mitglieder von Hochrisikogruppen wie Ärzte und Krankenpflegepersonal zuverlässig vor bereits bekannten Influenzaerregern zu schützen.

In einem begleitenden Editorial (NEJM Vol 2004, Nov 25,351:2330-32) folgerten John R. La Montagne und Anthony S. Fauci weiter, daß die impfstoffsparende intradermale Grippe-Impfung durchaus auch bei Hochrisikogruppen – so insbesondere auch bei alten Menschen – zum Einsatz kommen kann. Dies obgleich in der Studie der Gruppe Belshe festgestellt wurde, daß die Immunantwort auf die „Impfung light“ weniger stark ausfiel als bei jungen und gesunden Erwachsenen. Besonders in Situationen in denen ein großer Teil der älteren Menschen aufgrund fehlender Impfstoffe überhaupt nicht geimpft werden kann ist die „Impfung light“ eine medizinisch sinnvolle Alternative. Relativ leicht könnten so aus 50 Millionen Impfdosen 200 Millionen gemacht werden. Allerdings müßten hierzu die rigiden Zulassungsbedingungen flexibler ausgestaltet werden. Bisher dürfen die zugelassenen Impfstoffe nämlich in den USA nur intramuskulär verabreicht werden.
Die gute Immunantwort bei intradermaler Gabe des Impfstoffs führen die Wissenschaftler darauf zurück, daß in der Haut viele sog. dentritische Zellen vorhanden sind, die die Produktion von Antikörpern gegen Influenza-Erreger in einem besonderen Maß fördern.

Die in der Altersgruppe über 60 Jahren beobachtete etwas schwächere Immunantwort sollte allerdings nicht überbewertet werden, da die meisten Senioren ja bereits in früheren Jahren gegen Influenza geimpft wurden. In diesem Zusammenhang hatte eine kürzlich im Fachblatt JAMA (2004 Nov 3;292:2089-95) veröffentlichte holländische Studie gezeigt, daß die Sterblichkeit mit jeder erneuten Grippe-Impfung weiter zurückgeht. Bei Auswertung der bei 26.071 Patienten erhobenen Daten wurde deutlich, daß die Mortalitätsrate nach der ersten Grippe-Impfung im Vergleich zu nicht geimpften Patienten lediglich um statistisch nicht signifikante 10% zurückging. Jede weitere Impfung reduzierte die in der kalten Jahreszeit zu beobachtende Sterblichkeit aber bereits um 24%. Die Studie erbrachte außerdem Hinweise darauf, daß jede zusätzliche Impfung das Sterberisiko weiter vermindert.

Die Autoren der Studie kamen auch mit Blick auf die derzeitige Impfstoffkrise zu dem Schluß, daß ältere und kranke Patienten unbedingt bei der Zuteilung von Grippe-Impfstoffen bevorzugt werden sollten – bei jungen und gesunden Patienten muß hingegen generell nicht mit negativen Konsequenzen gerechnet werden, wenn diese einmal die Grippe-Impfung ausfallen lassen.
 




 

 

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