|
Quelle:
Fachblatt Medical Tribune

Die Öffentlichkeit ist irritiert: ist Selenmangel
oder Selenüberdosierung das wirkliche Problem ?
Experten rücken nun die Vorurteile zurecht - Selenüberdosierung
ist nach wie vor extrem selten – Selenmangel hingegen ein bundesweit
zu beobachtendes Phänomen
Von Dr. med. Jochen Kubitschek
Kürzlich berichtete das Fachblatt Medical Tribune, dass
der in der Presse immer wieder thematisierte Selenmangel mittlerweile
deutsche Verbraucher dazu verführt hat, zu hohe Dosen von Selen
einzunehmen. Dies führt im individuellen Einzelfall zu dramatischen
Nebenwirkungen, die vom behandelnden Arzt erst spät richtig eingeordnet
werden. Bei der Berichterstattung in Medical Tribune ging
aber unter, dass erst eine die empfohlene Einnahme um mehr als
das Hundertfache überschreitende Tagesdosis zu Selen-Vergiftungen
führt. Kein Wunder daher, dass vor wenigen Tagen eine in Hamburg
zusammengekommene Expertenrunde mit Nachdruck darauf hinwies,
dass der bundesweit zu beobachtende Selenmangel nach wie vor das
wirkliche Problem darstellt.
Längst haben die Wissenschaftler geklärt, dass das essentielle
Spurenelement Selen den menschlichen Organismus beim Kampf gegen
gefährliche freie Sauerstoff-Radikale unterstützt und so als „Antioxidans“
wirkt. Damit wirkt Selen Herz- und Kreislaufleiden entgegen. Diese
Wirkung gilt für den gesunden Körper – bei Krebskranken schützen
Selen und selenhaltige Verbindungen die gesunden Körperzellen
vor den gefürchteten Schäden der Standard- Chemo- und Strahlentherapie.
Selen ist ein Halbedelmetall und verhält sich chemisch ähnlich
wie Schwefel. Das essentielle Mikro-Spurenelement erfüllt wichtige
oxidative Schutzfunktionen. Bisher sind mehr als 20 Selen-haltige
körpereigene Eiweißverbindungen oder -untereinheiten identifiziert
worden.
Selen hat in den letzten 45 Jahren aus wissenschaftlicher Sicht
einen enormen Wandel vom vermeintlich hochgiftigen Spurenelement
zum Bestandteil alternativmedizinischer Behandlungskonzepte erlebt.
Heute gehört Selen unverzichtbar zur naturheilkundlich orientierten
Begleittherapie akuter und chronischer Infektionen, Immunmangelkrankheiten
sowie der Krebsheilkunde (Onkologie).
Die Grundlagenforschung hat seit Jahrzehnten klinische Daten geliefert,
die für komplementären Therapiekonzepte von Bedeutung sind
und zeigen, dass die Bedeutung dieses Spurenelementes sehr
groß ist. Sein Einsatzmöglichkeiten in der Krebsheilkunde sind
vielfältig: in der Vorbeugung, der Stärkung des Immunsystems während
der konventionellen Therapie, der Verringerung von Nebenwirkungen
bzw. der Verstärkung der Therapien die sich die Zerstörung des
Tumors zum Ziel gesetzt haben. Selen ist ein wichtiger Bestandteil
der Behandlung der unterschiedlichsten Erkrankungen und wird bei
Lymphödem, schweren Infektionen wie akuter Pankreatitis, Sepsis
und Myokarditis sowie bei rheumatischen und Herz-Kreislaufkrankheiten
eingesetzt.
Dr.
Stephan Wey, Facharzt für Innere Medizin und Naturheilverfahren
in Lauf betonte in Hamburg den Stellenwert von Selen in der ergänzenden
Krebstherapie. „Wir geben Patienten während der Chemo- oder Strahlentherapie
täglich bis zu 1000 Mikrogramm und danach täglich 300 Mikrogramm
Natriumselenit“, erklärte der Experte. Selen verringert
bei dieser Therapie die unerwünschten Wirkungen der herkömmlichen
Krebstherapie und unterstützte das Immunsystem. „Viele Patienten
berichten uns, dass sich ihre Lebensqualität unter der Selentherapie
deutlich gebessert hat“, ergänzte Wey.
Unabhängig von bestehenden Krankheiten empfahl Wey im
Selenmangelgebiet Deutschland für Gesunde eine vorbeugende tägliche
Einnahme von 50 Mikrogramm Natriumselenit.
Bisher war befürchtet worden, dass Selen bei Krebspatienten möglicherweise
die Wirkung der bei der Chemotherapie eingesetzten Medikamente
beeinträchtigen könnte. Doch jetzt konnte erstmals im Labor gezeigt
werden, dass Selen in normaler Dosierung die Wirksamkeit von Zytostatika
nicht hemmt. Für bestimmte viel verwendete Arzneimittel konnte
unter Selengabe –zumindest im Labor- sogar eine Steigerung der
Wirkung festgestellt werden.
Dr.
Harald Heidecke, Geschäftsführer des Forschungsinstituts
CellTrend, berichtete über Untersuchungen der Giftigkeit
(Zytotoxizität ) von elf Chemotherapeutika auf Brust-, Lungen-
und Dickdarmkrebszellen. Die Zwischenergebnisse der 3.000 Zellkulturansätze
zeigten deutlich, dass Selen die Wirksamkeit keines der
untersuchten Zytostatika hemmt, sondern in bestimmten Fällen sogar
im das Doppelte steigert. Warum dies so ist, muss erst noch geklärt
werden.
Dr.
med. Olaf Kuhnke, Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren,
Rosenheim, bestätigte die Wichtigkeit von Selen für die Primär-
und Sekundärprävention moderner Zivilisationskrankheiten, aber
auch degenerativer Erkrankungen bis hin zu bösartigen Tumoren.
Das Spurenelement Selen ist für das Immunsystem des Körpers unverzichtbar.
Dr.
rer. nat. Klaus Kühn, Bioanorganiker, Olching, ging anschließend
auf einige Details ein und betonte, dass Selen biochemisch
gesehen für eine ganze Reihe von stoffwechselaktiven Enzymen verantwortliches
Zentralelement ist. Vom bekanntesten dieser Enzyme, der Selen-Glutathion-Peroxidase,
weiß man schon seit vielen Jahren, dass es der Zellschädigung
durch entgegenwirkt. Seit neuester Zeit werden Selen-Enzyme auch
für die Mobilität der Spermien verantwortlich gemacht, was sich
in unterschiedlich hohen Selen-Anteilen in den Spermien äußert.
Die Experten waren sich darin einig, dass die Gefahren des Selenmangels
den allgemeinen Ratschlag rechtfertigen, dass alle Teile
der Normalbevölkerung täglich zwischen 50 und 150 Mikrogramm Selen
zusätzlich zu ihrer selenarmen Nahrung zu sich nehmen sollten.
Selbst im fortgeschrittenen Alter lohnt die Substitution von Selen
noch – bei senioren sollte die auf Lebenszeit einzunehmende Selendosis
bei 150 Mikrogramm liegen.
zur
Originalquelle
|